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„Nach dem Optimum streben – das treibt mich an“

Sie ist eines der Gesichter der Fünfkämpferinnen-Ara nach Lena Schöneborn: Seit letztem Jahr gehört Alexandra Bettinelli zu den Aufsteigerinnen im deutschen Weltcup-Team, 2018 gelang ihr in Sofia die erste Top-10-Platzierung. Am Ende ihrer Entwicklung sieht sich die 23-Jährige aber noch nicht. Was sie erreichen will und warum sie sich derzeit weit weg von der Heimat aufhält, verrät Bettinelli im DVMF-Interview.

Ende Mai hast du beim Weltcup in Sofia dein bisher bestes Karriereresultat erzielt. Warst du überrascht über den 7. Platz und deinen Wettkampf?

Alexandra: Ja, schon ein bisschen. Eigentlich wollte ich gar nicht nach Sofia fahren. Beim Weltcup drei Wochen zuvor in Kecskemét bin ich aber schon im Halbfinale ausgeschieden. Ich musste also noch ein gutes Resultat abliefern. Umso mehr habe ich mich über den 7. Platz gefreut. Vor allem, weil ich so gut gefochten habe.

Das Fechten als erste oder zweite Disziplin ist ja meistens richtungsweisend für den Wettkampf…

Alexandra: Genau, und es ist leider immer wieder eine „Wackeldisziplin“ bei mir gewesen. Aber das klappt in diesem Jahr schon deutlich besser. Ich gehe jetzt viel entspannter auf die Fechtbahn und das hilft mir auch, positiv in die weiteren Disziplinen zu gehen.

Letztes Jahr im April bist du Deutsche Vizemeisterin geworden, im August hast du dann bei der WM deine erste Medaille bei den „Großen“, nämlich Bronze im Team, gewonnen. War 2017 schon der Durchbruch für dich?

Alexandra: Als Durchbruch würde ich das letzte Jahr nicht sehen. Es stimmt schon, die Saison 2017 lief für mich besser als 2016 und ich habe mich im Weltcup-Zirkus etabliert. Allerdings war das Niveau im Jahr nach Olympia auch insgesamt nicht ganz so hoch. Klar, habe ich mich sehr über die WM-Medaille gefreut. Aber ich habe im Reiten viele Punkte liegengelassen und ein besseres Einzelergebnis verschenkt. Da ist auf jeden Fall noch Steigerungspotenzial.

Du studierst und trainierst derzeit in Chile – also weit weg von deinem Lebensmittelpunkt Berlin. Wie kam es dazu?

Alexandra: Stimmt, ich mache gerade ein Austauschsemester in Santiago de Chile und belege dort Kurse in Biologie und Chemie für mein Master-Studium. Ich habe mich ziemlich spontan im letzten Jahr dazu beworben, nachdem ich meinen Bachelor in Biotechnologie an der TU Berlin abgeschlossen hatte. Ich wollte noch einmal etwas Neues kennenlernen. Lateinamerika bot sich dann an: Meine Eltern kommen aus Argentinien und ich bin zweisprachig aufgewachsen. Und ich stand schon vorher in Kontakt mit Modernen Fünfkämpfern aus Chile.

Hast du dort ähnliche Trainingsbedingungen wie in Deutschland?

Alexandra: Die sportlichen Strukturen sind in Deutschland natürlich professioneller. Aber das Umfeld hier ist auch sehr gut. Die Leute sind motiviert und engagiert. Wir trainieren in einer kleinen Gruppe, da ist auch der amtierende Südamerika-Meister Esteban Bustos dabei. Anders als zuhause muss ich allerdings relativ viel Zeit aufwenden, um zu den Trainingsstätten zu gelangen. Zusammen mit dem Studium habe ich deshalb ein dichtes Wochenprogramm. Aber wir Moderne Fünfkämpfer sind durch die fünf Disziplinen ja eh ein strammes Pensum gewöhnt (lacht).

Was sind deine Ziele für die weitere Saison und darüber hinaus?

Alexandra: Durch den 7. Platz in Sofia habe ich mich frühzeitig für die EM und WM dieses Jahr qualifiziert. Dort möchte ich natürlich auch gut abschneiden. Schließlich geht es in Székesfehérvár und in Mexico City auch schon darum, sich für einen Platz im Weltcup-Team 2019 zu empfehlen. Gerade im Jahr vor den Olympischen Spielen in Tokio wäre das natürlich wichtig.

Und das Studium parallel?

Das bleibt natürlich immer eine Herausforderung parallel zum Leistungssport. Ich bin gerade im 3. Mastersemester. Meine Abschlussarbeit will ich bis Mitte 2019 schreiben, um mich dann ab Sommer wieder voll auf den Sport konzentrieren zu können.

Was treibt dich im Training an und wie motivierst du dich nach Niederlagen für den nächsten Wettkampf?

Alexandra: Ich neige dazu, auch im Training schnell unzufrieden zu sein, wenn ich etwas nicht schaffe. Das ist vielleicht nicht immer optimal, aber genau motiviert mich auch: sich versuchen zu verbessern und noch ein bisschen mehr rauszuholen. Gleichzeitig muss ich lernen, Niederlagen gut wegzustecken. Manchmal fühle ich mich super vorbereitet und im Wettkampf selbst klappt es trotzdem nicht, sei es im Fechten, im Reiten oder im Schießen. Rückschläge gehören bei so einer komplexen Sportart wie dem Modernen Fünfkampf manchmal dazu.

Fällt es in solchen Momenten manchmal schwer, an die eigene Karriere im Leistungssport zu glauben?

Ich habe mich eigentlich nie bewusst für eine Karriere im Leistungssport entschieden. Es ist sich gewissermaßen ergeben, weil ich gerne Modernen Fünfkampf betreibe und dazu ehrgeizig bin. Richtig zufrieden mit mir und meinen Leistungen bin ich tatsächlich selten. Nach dem Optimum streben: Das treibt mich an und ist für mich deshalb ein ganz wichtiger Teil des Leistungssports – in schönen und in schwierigen Momenten.

Orientierst du dich dabei an einem sportlichen Vorbild? Und wenn ja, wen und warum?

Alexandra: Die Standardantwort wäre natürlich Lena Schöneborn, weil sie die erfolgreichste Athletin im Modernen Fünfkampf ist. Mit ihr zu trainieren, war natürlich ein besonderes Privileg. Auch Annika (Anm. Schleu) ist ein sportliches Vorbild, sie hat ein unglaubliches Trainingspensum. Aber eigentlich finde ich es schwierig, sich mit anderen zu vergleichen oder sich an anderen zu orientieren. Jeder Sportler und jede Sportlerin sind am Ende doch verschieden.

Alexandra Bettinelli ist mit ihrer Saison 2018 zufrieden, wenn…

Alexandra: … ich meine Fortschritte im Fechten auch bei der EM und WM zeigen kann und dort sicher ins Finale einziehe.

Das Interview führte Resi Rathmann. Zuletzt erschienen bereits Interviews mit Marvin Dogue und Matthias Sandten.